Das Morgenbild, idyllisch
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Beograd, Neuss.
1999.


Der Mensch im Zimmer

Er sitzt ganz still, im Zimmer
am Fenster, in die Finsternis
schauend

Das Lampenlicht ist erloschen im Zimmer
Mitternacht vorbei

Die Stadt zehn Stockwerke tiefer
unter dem Menschen im Zimmer, 
ächzt und stöhnt
Raserei mit Neon
zum Himmel getragen

Der Mensch beobachtet die Stadt
und saugt gierig an seiner Zigarette

Jenseits vom Fenster sich selber ansichtig,
sitzt er und raucht. Und hier,
im Zimmer beleuchtet
nur die Hand und die Augen

Der Mensch öffnet das Fenster



Pferde

Mächtig fliehen sie die rasende Flucht

An Wiesen, den Graswöchnerinen und
an der Erde mit den Hufen nagend

Ihre Schatten können sie nicht einholen
und nicht in die Wildnis
zurückkehren

Scharfäugig dünnbeinig
leichtschrittig
rasen fliehen
die eigene Spur 




Die alte Frau und ihre Ziege

Einen asphaltierten Weg entlang gehen beschäftigte Skipetaren, denen ihre Unternehmen eine fünfzehntägige Erholung auf dem Sara-Gebirge ermöghlicht haben. 
Rentner und deren Frauen, die zu einem unglaublich geringen Preis, sozusagen umsonst, den Sommer im Haus der Pension-äre auf Brezovica verbringen, spazieren umher. 
Es ist ein früher Abend des August 87.
Obwohl mich diese Menge untersetzter Männer und im August in Kopftücher eingemummter Frauen ein wenig stört, gehe ich in Richtung des Berges - ich weiß, je weiter ich mich von der Ortschaft und den Ferienhäuschen entferne, desto weniger werden es sein. Oder soll ich abbiegen, dann durch den Wald, den Bach entlang. 
Und ich werde oben sein - allein.
Die Männer tragen Fesse. Die Frauen Pluderhosen, ihre Gesichter sind weiß. 
Plötzlich treffe ich in dieser spazierenden Menge sorgloser Menschen auf eine alte Frau und eine Ziege. 
Diesen beiden schenken die Spaziergänger keine Beachtung. Als sähen sie sie nicht. 
Eine Serbin steht dort mit ihrer Ziege. 
Die Ziege ist, aus welchem Grunde auch immer, stehengeblieben. Sie hat sich verschanzt. 
Die alte Frau, die den Eindruck erweckt, als sei sie leichter als die Ziege, zieht diese an der Leine, einem handgestrickten dünnen Seil; sie hört nicht auf zu ziehen.
Die Ziege, prallen Euters, rührt sich nicht von der Stelle. 
Die Alte, in eine Bluse und einen Rock von wohl häuslicher Anfertigung, kurze Wollstrümpfe und zerrissene Riemenschuhe gekleidet, mit sicherlich von der Hirtenarbeit zerkratzten Armen und Beinen, beginnt, die Ziege zu locken, sie geradazu bittend, sich zu bewegen. 
Die Milchgeberin rührt sich nicht. 
Die alte Frau vergerbten Gesichtes lässt das angespannte Seil locker, sie will die Ziege mit einem schlanken Stöckchen, das sie in ihrer Hand hält, schlagen.
Inzwischen rückt die Ziege, die die Absicht ihrer Ernährerin - denn die alte Frau ernährt die Ziege und die Ziege die alte Frau - durchschaut hat, ein-zwei Schritte zurück, so daß der Abstand zwischen den beiden wieder genauso groß ist wie kurz zuvor - die Länge des Seiles. 
Die Alte ist stehengeblieben. Sie überlegt, was zu tun ist. 
Arbeiter und Pensionäre ziehen vorbei. 
Die Alte und die Ziege blicken sich an. Die alte Frau schweigt, doch die Ziege versucht ihr in ihrem Gemeckere etwas zu sagen. Was kann das sein, was nur die beiden wissen? 
Mich der ratlosen alten Frau und der trotzigen Ziege nähernd, denke ich über alles nach, zunächst einmal über zwei Dinge: warum ihr wohl die gleichgültigen Spaziergänger, die nichts zu tun haben, nicht helfen und was passieren könnte, wenn jetzt ein Wagen vorbeiführe, denn dieser Weg führt zu Stojkos Haus und dem Hotel auf dem Berg Sara mit den berühmten Ski-Terrains hinauf. Wenn auch selten an diesen Sommertagen, so fahren doch auch hier Schaulustige mit ihren Automobilen vorbei. Wenn ein Wagen vorbeiführe, schaffte es der Fahrer wohl zu bremsen und die Alte und ihre Ziege, wie angewurzelt auf der Landstrasse stehen, nicht zu überfahren? Oder spränge die erschrockene Ziege ins Gestrüpp und zöge die Alte mit sich und beschützte sie somit, ihre Beschützerin. 
Ich nähere mich ihnen. Glücklicherweise bin ich bei solchen Spaziergängen durch Wälder und Weiden immer mit einem Stock ausgerüstet. Gleich bei meiner Ankunft auf Brezovica habe ich mir eine Rute von einem Haselbaum geschnitten. 
- Sie will nicht gehen!
- Sie will nicht!
Die alte Frau und die Ziege verströmen den scharfen Duft nach heilsamen Gebirgskräutern und Milch. 
- Was sie bloß hat?
- Ich weiß nicht! Auf daß die Wölfe sie nicht zerreissen mögen! Bis hierhin ist sie ruhig gegangen. Nun ist sie bockig geworden. 
Mit der verzierten Haselrute hake ich die Ziege sachte an der Lende ein. 
Die Ernährerin zieht hinter ihrer Ernährerin los. 
- Brave Ziege!
- Du Gute, dem lieben Gott sei Dank!
- Gott sei Dank!
- Dank sei auch dir, daß du vorbeigekommen bist. Gott gebe dir Gesundheit!
- Dir ebenso, Mütterchen. Und den Deinen. Und Deiner Ziege.
- Lebe wohl, mein Sohn - vernehme ich die Abschiedsworte der alten Frau zwischen den skipetarischen murmelnden Stimmen der Spaziergänger, die mich nicht anblicken. 
Die beiden, die Alte und die Ziege, gehen in Richtung des Dorfes hinab und ich begebe mich aus irgendeinem Grund sofort in den Wald. Ich blicke auf eine gemähte Lichtung voller Sonnenschein. Und inmitten der Lichtung steht ein einziger Baum. 
Ich laufe zur hohen, astreichen Birke auf der Lichtung. 

Aus dem Buch „Zu Fuß durch Serbien.“ 
Überzetzt von Ljubica Lazarevic 




Der letzte Tag

Vidikovac, eine der vielen Belgrader Ansiedlungen. Es ist Weihnachten, morgens. Ich gehe aus dem Haus, obgleich man an Weihnachten nicht aus dem Haus gehen sollte. Um Zeitungen zu kaufen, obwohl ich bereits vermute, was darin steht. Es wäre sicherlich besser keine Zeitung zu lesen, weil man das, was darin steht, im Fernsehen schon erfahren hat, das man nach Möglichkeit auch meiden sollte. Aber wir alle sind Abhängige. 
Es ist kalt, schwerer Winternebel, finstere Menschen am finsteren Weihnachtsmorgen. 
Unmittelbar vor den Hochhäusern sind große Blechkisten, die Müllcontainer aufgestellt. Der Müll wird seit Tagen und Wochen nicht mehr fortgeschafft! Die stolzen Belgrader schütten ihre Mülleimer und übervolle Plastiktüten einfach daneben aus, auf die bereits vorhandenen Abfallberge. 
Auf den Containern und Müllhaufen sitzen unzählige Krähen. Sie kreischen, schwarz und schwer, stöbern in den längst durchgestöberten Abfällen herum. Vor Menschen, den Anwohnern dieser Hochhäuser, die hier ihren Müll kippen, haben sie keine Angst. An Gewicht zugenommen, fliegen sie nicht mehr, so, als ob ihre Flügel zusammenkleben würden, als seien sie keine Vögel mehr. Krähen in Ratten verwandelt.
Rings um die Müllhaufen herum schreien die einst grau-weißen, jetzt schmutzig-schwarzgrauen Möwen, von der zugefrorenen Sava in die Siedlung geflogen, um sich hier durchzufuttern. Und ihr Geschrei hat etwas Schmerzliches, fast Menschliches, als ob sie Kinder wären, die große Qualen erleiden.
Die Möwen verkünden mit ihrem Geschrei den letzten Tag. Zwei, drei magere Hunde, auf deren Körpern unzählige Bißstellen zu sehen sind, schleichen herum. Rippen ragen aus ihnen heraus. Der Blick trüb und bösartig zugleich. Ja, der Hund ist bereit, um den zufällig entdeckten Knochen bis zum bitteren Ende zu kämpfen und ihn zu verteidigen. Aber wo diesen Knochen finden?
Hungrig sind die Krähen, die Möwen, die Hunde. Denn die Menschen, nach dem alten Brot Suchende, haben die Container schon längst nach Eßbarem durchsucht, haben alles vertilgt, wie Heuschrecken Blätter. Durchgewühlt haben sie die weggeworfenen Einkaufsbeutel mit Abfällen, Kartoffelschalen, Apfelkitschen, Weißkohlstrunken, Zigarettenkippen, Kürbisrinden, eingetrockneten Brotkrusten, ausgeleerten Milchtüten, Einmachgläsern, aus welchen auch die letzten Marmeladenreste abgeleckt worden sind, blutigen Wattenbündelchen... Geschaut haben sie, ob an den bereits abgenagten Knochen noch etwas zu beißen wäre. Die gekaufte Zeitung blättere ich im Gehen auf dem Weg zu dem in der Nähe liegenden Supermarkt, vor dem gerade ein Lieferwagen mit frischem Brot angefahren kommt. 
Im Laden stehen geduldig an die fünfzig Kunden. Warten auf das billigere, halbweiße, das sogenannte Volksbrot. Auf die vollen, mit verschiedensten Waren gefüllten Regale, verschwenden sie keinen Blick. Das Brot wird gleich abgeladen und die Menschen sind glücklich.
In der Reihe vor der Kasse, mit dem Einkaufskorb, in dem sich zwei Brote und eine Liter Milch befinden, steht mein Nachbar, der mich sofort begrüßt: Frohe Weihnachten! 
Frohe Weihnachten!, antworte ich.
An der Kasse muß ich den Beweis erbringen, daß ich die Zeitungen nicht im Supermarkt, sondern im Kiosk nebenan gekauft habe. Der mißtrauischen Kassiererin habe ich sogleich berichtet, daß sich auf der Seite fünf Dobrica Cosic mit einer Festrede an das Volk wendet, die Seiten neun bis vierzehn eine extra Weihnachtszulage enthalten und von der Seite sieben habe ich direkt die Überschrift zitiert: Sozialisten - die stärkste Partei im serbischen Parlament. Erst dann hat sie mir geglaubt. Obwohl es mir gleichgültig war.
Aus dem Serbische von Slobodanka Ljujic-Bäter 



Gute Erziehung

In Bus der Linie „Rakovica-Donau-Station“ herrscht die übliche Atmosphäre, d. h. es ist unerträglich. Auf zwanzig Platze haben sich dreißig bis vierzig Leute gesetzt, etwa hundert Fahrgäste stehen, besser gesagt - sie sind Gequälte. Einer neben dem anderen, eingeengt, wie verurteilte, ohne Luft. Ungewaschen und verkommen. Kurz gesagt - Geiseln.
Zwei aufgeweckte ältere Damen haben es irgendwie noch geschaft, in den Bus zu kommen, und sie gehen Schritt für Schritt, mal mit einem freundlichen Wort, mal schroff, manchmal auch mit Hilfe von Ellbogen /Erfahrungen einstiger jungkommunistischer Praxis/ und schaffen es bis zu den vollen Sitzen. Sie haben auch schon ausgemacht, wen sie wegen einem Sitzplatz ansprechen wollen. Sie stellen sich neben einen Sitz, auf dem ein junges Paar sitzt: Sie sitzt auf seinem Schoß, mit einer Broschüre in Englisch in der Hand, und die beiden lesen darin. Mit dem Heft und der etwas ordentlicheren Kleidung heben sie sich von der mitreisenden und mitleidenden Menge hervor. 
Eine der Damen bemerkt geistreich: 
- Junger Mann, würden Sie bitten aufstehen, damit dieses Mädel sich setzten kann, die ihre Großmutter sein könnte?
- Ich stehe niemals für die jenigen auf, die uns 1945, und 1990 und auch bei diesen Wahlen zugrunde richten. 
- Und Sie, junge Frau? Wenn Sie aufständen, würde auch der junge Mann aufstehen. Wir haben euch doch dazu erzogen, Älteren Platz zu machen. 
- Ich mache keinen Platz für die, die uns zwei aus diesem Land vertreiben - sagte das Mädchen.
Und seelenruhig schaute sich mit dem jungen Mann weiter die Anweisungen an „Wie wandert man nach Kanada aus?“. 

Aus dem Buch „Zu Fuß durch Serbien“
Übersetzt von Mira Jovanovic




Das Morgenbild, idyllisch

In dem großen Supermarkt inmitten von Hochhäusern bin ich der erste Kunde. Ich kaufe Brot, das Rogenbrot, das Schwarze. Und Zeitung mit schwarzen Nachrichten. Das Brot werde ich essen, die Zeutung werde ich nicht lesen. Das Schreiten durch die noch schlafende Siedlung in der Morgenfrische, die man kaum so bezeichnen kann, bringt mich nach schwerer Nacht in eine gewisse Übereinstimmung mit der Umgebung, in der ich, man könnte es so nennen, lebe. Und nach dem langen Gehmarsch und anschließendem Duschen werde ich mich beruhigen mit wenigen Stückshen vom einigermaßen echten Brot, die ich in das eintunken werde, was man im Handel als Jogurt aus echter Schafsmilch zu bezeichnen pflegt. Die Zeitung wird zuerst meine Finger mit noch frischer Druckerschwärze beschmutzen und mich anschließend beunruhigen. 
Auf diesem Grunde kaufe ich sie vermutlich. Jeden Morgen. Aber ich öffne sie erst am Nachmittag.
Ich schreite nun die abschüssige Straße hinunter in Richtung Knezevac, eines Dorfes mitten in Belgrad. 
Je mehr man sich dem Stadtzentrum nähert, um so öfter sieht man Industrieanlagen des Stadtteiles Rakovica und Ansiedlungen.
Auf der einen Seite Gleise der Straßenbahn- und Eisenbahnstrecken, Verkehrswege, Berghänge. Denen gegenüber - Hochaussiedlungen Vidikovac, Labudovo- und Petlovo Brdo auf Anhöhen.
Die ebenerdigen Häuser, ein-oder zweistöckige, Blumenbeete, zurechtgestutzte Obstbäume und Ziersträucher in kleinen Gehöfen. 
Von irgendwoher stürmt ein Hund heraus. Bellt, begleitet mich sozusagen mit wütendem Gebell und Drohgebärden.
Ich drehe mich nicht um, obwohl ich ihn bereits an meinen Fersen spüre. Das macht ihn noch wütender, so daß er ein oder zwei Schritte hinter mir zu kläffen beginnt. 
Ich bleibe stehen. Drehe mich um. Er schreckt knurrend zurück.
Ich bücke mich nieder. Direkt in seine Augen blickend, sage ich zu ihm, daß er ein ganz Böser sei, daß ich nur meines Wegs gehen möchte, daß er in seinen Hof zurückkehren solle, damit er nicht von einem Auto überfahren würde...
Das Hündchen wird merkwürdig still, erwidert meinen Blick, und schon wedelt es mit seinem buschigen Schwänzchen. 
Beinahe wären wir Freunde geworden. 
Ich überlege kurz und beginne schon das Brot anzubrechen, ein Stückchen davon vor seine Schnauze hinzulegen. Es hat das Brot nur beschnüffelt. 
Von ganz oben, von dem Gipfel der Straßensteigung, die nur vor kurzem erneut asphaltierte Straße hinunter, kommt ein Auto auf uns zu. Mit einem Fahrer darin, erwartungsgemäß.
Der Hund läßt von mir ab. Am Bürgersteig entlanglaufend, bellt er wütend das Auto und Autofahrer an. Der Fahrer kann nicht beschleunigen. Es ist ein ziemlich starkes Gefälle und dreißig-vierzig Meter weiter, erwartet ihn die Hauptstraße der Siedlung, durch velche Tag und Nacht Lastwagen, Autos und Busse fahren, und welche, das selbst mir, dem Fußgänger hinlänglich bekannt ist, Vorfahrt haben. Und wozu überhaupt die Eile. In seinem Auto war er völlig sicher. Was kann schon ein Hund, eine gewöhnliche Promenadenmischung einem Auto und dem Menschen, das es fährt, anhaben?
Und so gleitet das Auto die Straße hinunter, glänzt in dem Sonnenlicht, ein neues Auto, das muß man wohl gestehen, der Motor schnurt geradazu. Und schmalen Bürgersteig entlanglaufend, begleitet es das Hündchen, bellend.
In der Siedlung regt sich nun allmählich das Leben.
Zur Hauptstraße angelangt, bringt der Fahrer das Auto zum Stehen. Läßt alle Warnblinklichter aufleuchten. Den Motor angelassen.
Der Hund bleibt auch stehen und bellt fortwährend. 
Der Fahrer steigt aus. Der Hund verstummt. Beginnt sich beinahe einzuschmeicheln.
Und so von diesem morgendlichen, fast idyllischen Bild eingefangen, denke ich, wie der Mensch gleich den Hund hochheben und in das Auto packen wird, und wie dadurch aus einem gewöhnlichen Vorstadthündchen mit ziemlicher Sicherheit ein Familienliebling in einer großen Wohnung auf Terazije oder einer Villa auf Banovo Brdo, Senjak - oder sogar Dedinje werden wird. Er muß bestimmt unter einem guten Stern geboren worden sein. Was für eine glückliche Schicksalswendung.
Der Angegraute, mit Anzug und Krawatte, zieht von irgendwoher eine Pistole heraus. 
Das Hündchen winselt ganz kurz. Bevor es stirbt.
Der ordentliche Fahrer, sozusagen ein Herr oder ein Genosse, der Teufel allein wird es wissen, steigt wieder in sein Auto ein. Schaltet die Warnblinklichter aus und das linke Blinklicht an. Schaut sich kurz um und fädelt sich in den fließenden Verkehr ein. 
Ich bin mir nicht sicher, ob die durch den Schuß aus dem Schlaf geweckten Anwohner von Knezevac die Hundseele gesehen haben, wie sie emporfliegt, zum Himmel über Knezevac, Rakovica und Belgrad, dieser großen Menschensiedlung.

Aus dem Serbische von Slobodanka Ljujic-Bäter 




Deutsch-serbisches Heft

/Tagebuch, Briefe, Gespräche, Eindrücke.../
Neuss, im Herbs 93 und folg


Die Annäherung 

Das Zimmer, in dem du erwachst, blickt gen (?) Osten.
Der Raum, in dem du deinen Tag verbringst, ist dem Westen zugewandt. 
Am Morgen, während du deine erste Tasse Kaffee trinkst, schaust du gen Osten, in die Sonne über den Baumkronen und das herbstlich gelbe Laub. Eine oder anderthalb Stunden sitzt du so, über die östlichen Räume nachdenkend. Stellst dir vor, oder siechst sogar, was dort, in deinem Land, geschieht. 
Und von diesem Sehen wird dir nicht leichter. 
Danach flüchtest du dich in die Arbeit, in dein Buch über die dortigen Menschen in den vergangenen Zeiten. 
Am Spätnachmittag schlägt /geht?/ die Sonne auf, belleuchtet das Fenster im Zimmer , in dem du dich aufhälst. Du stößt deine Aufzeichnungen von dir weg, und schaust wieder in die Sonne im Westen. 
Und fragst dich, ob du dich weißt genug vom Osten entfernt hast?
Ob du noch weiter gehen solltest?
Den Ozean überqueren?
Damit du doch dem Osten näher wärest. 
Damit du, tausende und abertausende Kilometer entfernt, erst dann - im wahren Osten bist. 
/Srbiji? pogledaj tekst na srpskom?/

Aus dem Serbischen von Slobodanka Bäter




Nordwind, der Tag neunter

In Serbien Kälte.
Und Hunger.
Es peitscht der Nordwind, mein Wahllbruder. Seit neun Tagen schon. 
Mein Gott, was wird noch kommen?
(December, 1993, Brief aus der Heimat) 

Aus dem Serbischen von Slobodanka Bäter.



Drei Graffitis aus Neuss

Zum Bestandteil des „Deutsch-serbischen Heftes“ gehören auch diese drei Graffitis aus Neuss. Zwei davon aus Worten, einer ohne Worte. 
Auf dem Bürgersteig neben den großen Sportanlagen in einem Neusser Stadtteil steht, mit Riesenbuchstaben, in weißer, fetter Farbe, geschrieben:
Nazi - Turken raus!
Fast täglich, mache ich meinen Spaziergang um den kleinen See, von dem ich nicht weiß, ob er ein Stausee oder ein natürlicher See ist. Freilich, da gibt es viele Hinweise und Schilder, nur denke ich mir, daß diese eher etwas mit den Vögeln, zwei, drei Entenarten, den Tauben (Schwäne habe ich noch keine gesehen), beziehungsweise mit ihrem Schutz in diesem Naturschutzgebiet zu tun haben könnten, als mit dem kleinen See. 
Rings um den See laufen zu jeder Tageszeit Jogger oder Spaziergänger, die entweder auf das Wasser schauen oder die beinahe gänzlich zahmen Vögel füttern. 
Auf einem der vielen befestigten Abfallkörbe steht mit schwarzer Farbe das Hakenkreuz gemalt. In meinem Land als die sogenannte „Schwägerin“ bekannt. 
Freilich, das Hakenkreuz ist mit einem X durchgestrichen, sozusagen mit seiner gelben Farbe ungültig gemacht. Aber leider ist die gelbe Farbe zu hell und kann ungenügend die schwarze abdecken. So sind also auf dem Abfallkorb am kleinen See gleichzeitig zwei Zeichen sichtbar. Das Hakenkreuz und das es zunichte machende X. Und beide deutlich zu sehen. 
Das dritte Grafifiti habe ich von einem Werbeplakat im Zentrum dieses ruhigen, von Düsseldorf nur durch den Rhein getrennten, aber ihm so ganz ungleichen Städtchens, abgeschrieben. Es beginnt so:
Deine Christus ist jüdisch!
Diesem Satz folgen sogleich noch weitere Botschaften:
Dein Auto - japanisch, dein Kaffee - brasilianisch, deine Pizza - italienisch, die Demokratie - griechisch, dein Urlaub - spanisch, deine Zahlen - arabisch, deine Schrift - lateinisch...
Dieser, in großen Buchstaben geschriebene, lange Teht, endet folgendermaßen:
Und dein Nachbar - nur ein Ausländer?

Aus dem Serbischen von Slobodanka Bäter 




PANIK IM INTERCITY

Der IC gleitet geräuschlos über die Schienen. Er rast mit großer Geschwindigkeit - für Angehörige alter, weiser, immer noch Viehzucht und Ackerbau treibender, dem neuen Zeitalter unangepaßter und demzufolge im Verschwinden begriffener Völker, ein Wunder der Technik. Dem Einzelnen kann hier allerhand passieren, Völker verschwinden, und der Zug fährt weiter.
Von München, sollte es für die Erzählung von Bedeutung sein, fährst du zurück nach Frankfurt. Müde, niedergeschlagen, ausgelaugt. Wenn man schon schreiben muß, warum es vor sogenannten Anhängern schöner Worte auch noch lesen müssen? Du hättest dorthin nicht fahren sollen, was hast du in München verloren? Und je mehr du dich der Stadt näherst, deren Name in Computerschrift auf deinem Fahrschein steht, um so häufiger fragst du dich - was du eigentlich in Frankfurt sollst? Unter den frühchristlich-orthodoxen Mönchsorden ziehst du diejenigen vor, die ihre Gebete schweigend verrichten. Streichen wir sofort das Wort orthodox aus dem vorangehenden Satz - damals gab es noch keine Orthodoxen und keine Katholiken, sondern nur Christen - damit wir mit der Erzählung fortfahren können, weil auch das Hauptwort, mit dem sie beginnt, der Zug, weiterfährt, geradezu rast durch Raum und Zeit. Und du in ihm, über das Schweigen nachdenkend. Ihr sollt eure Perlen nicht vor die Säue werfen, predigte Matthäus. Besänftigen wir jedoch den strengen Matthäus mit Lukas, einem Beschützer der schreibenden Zunft: Gib jedem, der dich bittet, und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlange es nicht zurück (Lukas, 6,30). Zerrissen zwischen strengem Matthäus und sanftem Lukas vertiefst du deine momentane Unzufriedenheit mit dem überstandenen literarischen Ausflug. Bekannter sind die gepredigten als die geschriebenen Bücher, diejenigen, die durch Feuer zu Asche wurden, als jene, die man bewahren konnte. Nikolai Gogol hat den zweiten Teil seiner Toten Seelen verbrannt. Und Hölderlin, Kafka, Dostojewski, Thomas Mann? Wladimir Majakowski hat sich fortwährend gefragt - wie in ein dickes Ohr das zarte Wort hineinstecken? Der Dichter wußte die Antwort nicht, weshalb er sich, wie man später erzählte, umgebracht hat. Scheiterhaufen, Exil, Wahnsinn, Gefangenenlager, Schriften...
Während du dich nach München verirrst. 
Glücklicher-oder unglücklicherweise haben dir vernünftige Menschen eine Rückfahrkarte besorgt, und so kehrst du nun ziemlich lustlos nach Frankfurt zurück, obschon das, wenn man es sich gut überlegt, jede andere Stadt hätte sein können, zum Beispiel Düsseldorf. Was fehlt einem in Düsseldorf? Gar nichts. Und was erst in St. Petersburg?
Wie dem auch sei. Vor dem Schicksal kann man nicht fliehen, wie Helden realistischer Literatur sagen würden und sich dabei auf die vernebelten, aber dessenungeachtet in manchen Ländern immer noch lebendigen Reste vorchristlichen Schicksalglaubens unser aller gemeinsamer Vorfahren, berufen. 
Du beobachtest die Landstriche entlang der Eisenbahnschienen, falls dieser Zug überhaupt auf Schienen fährt. Vorbei an dir fliegen Felder, Dörfer, Obstgärten, große Lagerplätze in den Tälern, gut erhaltene Schlösser auf den Hügeln, idyllische Städte, Fabrikhallen und Schornsteine, Wälder auf den Bergflanken. Ein Feld, bedeckt mit spärlichem, am frühen Morgen gefallenem Schnee, naht. Hinter dem Feld ein Wäldchen. 
Inmitten dieser schneebedeckten Fläche siehst du auf einmal einen Hund. Einen großen, kräftigen, wolfsähnlichen Hund. Ein Hund oder doch ein Wolf? Einsam im Schnee, auf der ungroßen Ebene zwischen den Eisenbahngleisen und der kleinen Siedlung einerseits, die augenblicklich fortfliegt und einem Wäldchen andererseits, das sich dir fliegend nähert. Indessen, die Tatsachen 
stehen im umgekehrten Verhältnis: Getragen vom geräuschlos fliegenden Zug mit unsichtbaren 


Flügeln, fliegst du fort und der gesamte Landstrich mit ihm, der im Feld Einsame bleibt stehen. Auf der Erde. Fest mit dem Boden verwurzelt von Anbeginn der Welt und unterstellt jenen, von den alten Griechen erkannten und von ihren späteren geistigen Erben weitergeführten und wissenschaftlich begründeten Gesetz der Erdanziehungskraft. So ist es in der Wirklichkeit. Aber, was ist die Wirklichkeit und gibt es sie überhaupt?, fragst du dich, indem du dich sowohl der Himmelskörperbewegung vergewisserst, als auch der Tatsache, daß die Erde sich ebenso dreht, wenngleich dieses für dich eine unannehmbare und beunruhigende These ist. Wer von euch beiden fliegt jetzt und wer steht? Du oder er? Wer verschwindet und wer bleibt? Wer ist dort und wer ist hier? Was kreist um was herum?
Beim Gedanken, daß du dort draußen sein könntest und er, der Hund oder der Wolf, hier drinnen im Zug, fröstelst du auf einmal.
Und vor diesem, nur auf den ersten Blick ungewöhnlichen Gedanken, zuckt plötzlich der 
Steppenwolf im Intersity zusammen.
Nun ist er plötzlich der, der dich draußen auf dem Heideland beobachtet. 
Er bemitleidet dich, beinahe wären Tränen sein schönes, scharfgeschnittenes Wolfsgesicht heruntergeflossen. Er bemitleidet dich - nirgends in deiner Nähe ein Wolfsrudel. Nicht einmal eine Wölfin.Gibt es überhaupt in einer solch zahmen Gegend irgendeine Höhle, in der du dich vor der Treibjagd verstecken könntest? Wenigstens solange die Treiber unterwegs sind. Wo du dich aufwärmen könntest, den draußen ist trockener Dezemberfrost. Gestern war der Heilige Nikolaus. Hilf ihm, Heiliger Nikolaus! Verstecke den Vertriebenen vor den Treibern! Beschütze den Wanderer auf seinem Weg, du Heileger, du Wanderer!, betet er mit halblauter Stimme und bekreuzigt sich zugleich, während seine Brust von vertrauter Schmerzensschneide durchtrennt wird.Traurig, sehr traurig ist er - wo ist jene freie, eisklare, sternenübersäte Himmelsdecke und unter tiefem Schnee liegende, weite Steppe aus dem Roman Maschine und Wölfe? Unglücklich darüber ist Wolf, der Wanderer im Intersity, daß über dir tiefhängender, vergifteter, starkstromvernetzter Himmel ist und vor dir nur die winzige und verschneite Ebene. Und der Hein, durch den einigermaßen sichtbar und hörbar die kleine Siedlung von der sechsspurigen Autobahn getrennt wird und über die Tag und Nacht Autos und Geländewagen surren, Klein - und Großbusse keuchen, Tanker und Lastwagen brummen. Geräusche und Ausdünstungen steigen gen Himmel, breiten sich überall aus, fallen wieder nieder, Gräser, Saat, Bäume, Tiere und Menschen vergiftend. 
Auf seinem noch vor wenigen Augenblicken bequemen Sitz, rutscht der Steppenwolf nun ruhelos umher, zerknüllt nervös den Plastikbecher, aus dem er gerade seinen fade schmeckenden Kaffee ausgetrunken hat, drückt die Zigarette aus, spürt den bitteren Geschmack in seinem Mund, die letzte Nacht nach der Lesung hat er wieder einmal zu viel geraucht, und damit diese Begegnung auch erträglich gemacht werden konnte, gab es reichlich zu trinken. Wie soll man sich jetzt reinigen, sich abkühlen? Frische Luft schnappen? Vielleicht, indem man seine flache Hand auf die Fensterscheibe des Zugabteils drückt?
Der plötzlich kräftige, eiskalte Windzug aus weitem Steppenland überrascht die anwesenden Fahrgäste. Was ist los, fragen sie sich. Eine kleine Störung in der Klimaanlage sicherlich, geben sie sich tröstend Antwort, indem sie Zeitungen und Bücher zusammenklappend, ihre Schals und Jacken noch fester um die Schultern ziehen. 
Während er, Wolf, der Wanderer, begreift, daß du dich in einer gänzlich ausweglosen Lage befindest. Irgendein müßiger Spaziergänger, ein Bauer oder ein Jäger wird dich bestimmt sehen. Gleichgültig wer dich zuerst sieht, an der zuständigen Stelle wird man es sofort melden. Und was dich dann, mein Brüderchen, erwartet - das kannst du dir schon denken. Vor der Verfolgung wirst du dich zu retten versuchen, indem du die hohe Schutzwand an der Autobahn überspringen und unter einem rasenden Fahrzeug enden wirst. Falls dich nicht schnelle Jagdhunde, oder noch schlimmer, dressierte, speziell für diesen Zweck gezüchtete Polizeihunde erwischen, wird man dich mit Hubschraubern verfolgen. Fangnetze nach dir werfen. Mit einem Revolverschuß einschläfern Unabhängig davon, wie man dich nun fängt, dein Ende wird immer gleich bleiben. Es wird in deinem Kopf und in deinem Körper geforscht werden. In den Hirnwindungen nach jenem Gedanken gesucht 
werden, der dich bis hier in die Siedlung, unter die Menschen, führte. Deinem Körper sezierend, 
insbesondere deine Gliedmaßen, wird man in Erfahrung bringen wollen, in welcher Zeit und wie du überhaupt diese Entfernung von fast fünftausend Kilometern, genauer gesagt viertausendsechshundert Werst, zurücklegen konntest. Hey, wo sind jene unendlichen Steppen hinter Wolgograd und wo dieses Städtchen N. kurz vor Frankfurt? Wenn du täglich, eigentlich nachts, denn du läufst nur von der Abend-bis zur Morgendämmerung, optimal gerechnet, deine siebzig Werst zurücklegst, brauchst du allein dafür neun Wochen. Vor kurzem noch, warst du an der Wolga und jetzt plötzlich erscheinst du hier, am Main. Oder bist du schon seit langem hier gewesen? Unzählige Steppenrudel und sibirische Wolfsrudel sind damals, 1812-1813, hinter dem geschlagenen Napoleon-Heer in die Rhein-Main-Gegend gewandert. Bist du vielleicht einer von ihnen? Damals hierhergezogen und an diesem Vorabend plötzlich auferstanden? Besser wäre, du wärest es nicht. Denn, was kann dich hier schon erwarten?
Deine ganze Hilflosigkeit und Verlorenheit, hier unter gefährlichen Menschen begreifend, gerät der Wolf im Intercity Berchtesgardener Land in Schweiß.
Strenger Geruch des Raubtiers beunruhigt die Fahrgäste. Sie springen vor ihren Plätzen auf, die Mutigeren protestieren, die Ängstlichen schreien.
Die Verwandlung ist vollkommen.
Das im Zug gefangene Tier möchte dir mit einem warnenden Zuruf helfen. Mit den Pfoten und Krallen das Fenster öffnen. Vergeblich. Die Pfoten bluten, die Finger bluten. Gebrochene Krallen, gebrochene Fingernägel. Der Zug ist von klugen Konstrukteuren gebaut worden. Die gesamte Eisenbahn ist reichlich mit frischer, feuchter sogar bedufteter Luft versorgt. Die Wissenschaft weiß seit geraumer Zeit schon, wieviel Luft der Einzelne zum Atmen braucht. So viele Seelen, so viel Luft. Diese Erfahrungen wurden natürlich auch beim Bau dieser modernen deutschen Eisenbahn genutzt. Alle Fahrgäste reisen bequem und atmen ungehindert. Luft gibt es in jeder Menge. Die Ingenieure wissen also alles über die Eisenbahn, nur eins wissen sie anscheinend nicht: wann und warum im Menschen, dem Fahrenden - den ein Mensch ist nur ein Mensch! - ein wilder und vernichtender Gedanke aufblitzen wird, der ihn dazu zwingen kann, Fenster oder Tür zu öffnen und aus dem fahrenden Zug zu springen. Wegen solcher unerwarteter, seltener, aber immerhin möglicher Vorhaben, haben Zugkonstrukteure die Fahrgäste abgesichert. Der Zug ist sozusagen hermetisch geschlossen. Man kann die Fenster nicht öffnen und die Tür nur mit Computerhilfe beim Anhalten des Zuges. Kurzum, alles unter Kontrolle. 
Und nun?
Panik im Intercity. Wenn das Wort Panik nicht zu schwach klingt, um den Zustand zu beschreiben, in dem sich die Fahrgäste auf einmal befinden. 
Eine junge Deutsche bekommt frühzeitig Wehen und wird sogleich in diesem beinahe sterilen Zug von einem Neugeborenen entbunden, dessen Vater man nicht kennt. Beim Anblick des Steppenwolfes bricht ein, einst an der Stalinorgel nach Deutschland gekommener Russe, in Weinen aus. Gekommen und geblieben. Deutschland ist wiedervereint, Rusßland ist auseinandergefallen, ein Steppenwolf im Zug, das kann nur Krieg bedueten. Gott bewahre!, er bekreuzigt sich mit drei Fingern und denkt angestrengt weiter. Türken wollen erneut auf den Balkan, satte und friedliche Germanen nach Osten und im Gegenzug, hungrige und wilde Slawen nach Westen. Mal so ganz unter uns gesagt: Wir haben lange genug in Frieden gelebt! Still gestanden!, kommandiert der alte Russe. Ein Araber rollt seinen Gebetsteppich aus, es ist fünf Uhr nachmitags, Stunde des Gebets. Allah bismillah, er betet um Erlösung von diesen Christen, unter denen sich, wie bei allen Menschen unreinen Glaubens, nur Schlimmes zeigt: Ein gefährliches Raubtier mitten in einer Eisenbahn. Ein Wolga-Deutscher, nun seit drei Jahren wieder bei den Seinen, erkennt das wilde Tier aus der Steppe, rennt aufgeregt durch den Waggon, ruft nach dem zuständigen Eisenbahnbeamten. Ein Geschäftsmann aus dem fernen Osten erkundigt sich nach dem Geschehen, indem er auf verschiedene Tasten seines Personalcomputers drückt. Auf dem winzigen Bildschirm sind entweder Börsenberichte zu sehen, oder genau dasselbe, was der Schlitzäugige auch mit eigenen Augen sehen kann: das wilde Tier unter den Menschen. Ein anderer, von gleicher Hautfarbe, erfaßt sehr schnell die Lage und schafft sich Abhilfe mit einer Prise Kokain. Ein Universitätsprofessor aus Köln, ein berümter Ethnologe, beobachtet das Phänomen und 
macht Notizen darüber. Eine Türkin sammelt ihre Kinder ein, drei an der Zahl, glücklicherweise sind die anderen drei zu Hause geblieben und wenigstens jetzt noch in Sicherheit. Eine schöne junge Frau aus dem mittleren Donaugebiet, in deren Adern gemischtes Blut des Westens und des Ostens zusammenfließt, drückt sich aufgeregt an ihren südamerikanischen Freund; dieser hält sie mit einer Hand unter Kontrolle, damit aus der Aufregung keine Erregung wird, während er mit der anderen, noch freien Hand, das Wort Cholotl in der Luft nachzeichnet, der Name für die hundeähnliche Gottheit, die die Azteken und Mayas auf ihrer Reise in die Unterwelt begleitete. Ein Schwarzer, was macht ein Schwarzer? Nichts. Er träumt vom Licht im August, er wacht allmählich aus seinem Schlummer. Die ganze Panik um sich ringsum erblickend, läßt er die Augenlider wieder sinken und zur selben Zeit ertönt im Intercity neben leisem Wolfsgeheul der traurige Gesang eines mittelafrikanischen Stammes, letztes Singen bei Opferdarbringungen vor dem Scheiterhaufen. Ein vierter Deutscher, indes über den dritten haben wir noch nichts gesagt. Er kämpfte in der Gegend zwischen Kiew und Odessa, kehrte mit einigem Glück Jahre später einbeinig nach Hause zurück, und während er jetzt auf das Steppentier, das unter den Menschen gefangene, sieht, erinnert er sich: Drei Monate lang lag er in einer Wolfsgrube versteckt, ließ sich von Wölfen seine Wunden gesund lecken und konnte auf diese Weise überleben. Eine verjüngte Deutsche, eine ältere Frau mit geliftetem Gesicht, denkt an die starken Arme südländischer Männer, während ihr Blick auf den entkräfteten und greisen, ihr gegenübersitzenden Ehemann fällt. Würde er bloß bald hinüber sein, dieses pelzige Ungeheuer könnte vielleicht für den nötigen Hirnschlag sorgen. Ein politischer Emigrant, aus einem Land des vor kurzem auseinandergefallenen Ostblock, glaubt einen Geheimpolizeiagenten wiederzuerkennen. Das ist, wie jeder weiß, der wirksamste und gefährlichste Geheimdienst der Welt. Im Tarnen sind sie Weltmeister. Diese Unerfahrenen hier kann man womöglich mit solcher Verwandlung täuschen, aber ihn nicht. Wäre er sogar in einen Schafspelz hineingeschlüpft, würde er jederzeit seinen Widersacher erkennen, der ihn selbst hier im Zug, mitten in Europa, verfolgt. Und dazu noch in Wolfsgestalt. Wenn du aber hier drin wärest und nicht draußen, auf dem Feld, würdest du die alten Völkermythen zitieren: der Serbe ist ein Wolf , und hier im Intercity, die alte serbische Wolfsgottheit erblicken. 
Alle weichen zurück. Zittern.
Die Augen auf das Raubtier geheftet.
Während er durchs Fensterglas zu dir hinüberblickt.
Er möchte dir, du spürst es bereits draußen, so gerne helfen.
Oder sich weningstens zu dir gesellen. Aber wie? Wer kann schon das Fenster oder die Tür eines noch fahrenden Zuges öffnen? Wer den Zug anhalten? Aus dem Zug aussteigen? Er hat es versucht und - gebrochene Krallen, blutige Pfoten.
Er heult laut auf.
Die Fahrgäste fliehen in den anderen Waggon.
Der Wolf schlägt seinen Kopf gegen die dicke Fensterscheibe. 
Die Stirnhaut platzt.
Hinter den Himmelswolken breitet sich der Vollmond aus. 
Mit einem für das Raubtier typischen Sprung überspringst du die hohe Betonmauer an der Autobahn.
Von oben, vom Westen her, nähert sich ein großer Lkw, an den zwei Anhänger gekoppelt sind. 

Post skriptum.
In Zeitungsverlagen herrscht reger Betrieb. Es werden die ersten Morgenausgaben gedruckt. In einer täglich ausgestrahlten Verkehrssendung haben Rundfunksprecher über einen Zusammenstoß auf der Autobahn berichtet, an dem ein Sattelschlepper und zehn weitere Fahrzeuge beteiligt gewesen seien. Der überfahrene Körper wurde nicht erwähnt, wie auch der Umstand verschwiegen wurde, daß es im Intercity zu einer Stromunterbrechung von einigen Sekunden gekommen ist. Alles sei nur Folge des üblichen wochenendbedingten Verkehrsstaus. In den großen und einflußreichen deutschen Tagesblättern - kein Wort. Wahrlich, zehn Monate nach dem 
beschribenen Ereignis, wird in der Rheinischer Zeitung, aus der Feder eines gewissen Wolf K. ein Text veröffentlicht, in dem von vernichtenden Mythennachwirkungen in den Schluchten des Balkans die Rede ist. Und gleichzeitig wird als Hauptantreiber des Krieges auf dem Balkan die alte serbische Wolfsgottheit genannt. Die zeitliche Übereinstimmung zwischen der Veröffentlichung seines Textes und endgültiger Niederschrift dieser Erzählung mit anschließendem Post skriptum, ist rein zufällig.
Als der Zug mit sechs, sieben Sekunden Verspätung auf dem Frankfurter Bahnhof anhielt, stiegen aus ihm, nun ausgeruht und von der Deutschen Bundesbahn dienstleistungsmäßig aufs höchste zufriedengestellt, all diejenigen aus, denen Frankfurt der Bestimmungsort war. Unter ihnen auch ein bärtiger Mann mittleren Alters mit sichtbarer Narbe auf der Stirn, und einer unsichtbaren in seiner Brust. Jener, dessen Name zufällig diese Erzählung deckt, es könnte auch ein anderer sein, einer von jenen, die dieses lesen werden.
Vielleicht gerade deiner.


Aus dem Serbischen von Slobodanka Ljujic-Bäter





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Janko Vujinović
Bibliografija 
izbor

Panika u intersitiju
proza, prvo izdanje: Grafički atelje DERETA, Beograd, januar, 2000., str. 1-380.; drugo, dopunjeno izdanje: Grafički atelje DERETA, Beograd, oktobar, 2000., str. 1-347.



Vučji nakot
roman, Prosveta, Beograd, 1986, strana 1-295.; drugo izdanje, INP Književne novine-Komerc, Beograd, 1996. strana 1-310.


Knjiga o radovanju
zbirka priča, Slovo ljubve, Beograd, 1979. strana 1-112. Drugo izdanje Kulturni Centar Vuk Karadžić, Loznica, 2003. st. 1-150.

Kosovo je grdno sudilište dokumentarna proza, Prosveta, Književne novine, Beograd i Jedinstvo, Priština, 1989. strana 1-374.;drugo, dopunjeno i prerađeno izdanje, Dositej, Književne novine, Beograd i Jedinstvo, Priština, 1991., strana 1-412.

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Knjiga o radovanju
Vučji nakot
Kosovo je grdno sudilište


Panika u intersitiju
odlomak iz romana
Panika u intersitiju - srpski
Panika w pociągu intercity - polski
Panic in the Intercity - english
Panik im intercity - deutsche
Паника в экспрессе - pусский








Biografija
Biografija - srpski
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