Panika u intersitiju
proza, 
/ Panik im Intercity, Panika w pociągu intercity, Паника в експрессе, Panic in the Intercity / odlomak romana objavljen na pet jezika, prevodi: Slobodanka Ljujić Baeter, Teresa Sikorska, Anastasija Timinska i Ljiljana Krstić... Copyright: J. Vujinović & Tygiel Kultury, Łódż, 2003. str. 1-72.







excerpt from the book - german
     Panik im intercity
                     
                 
                  Der IC gleitet geräuschlos über die Schienen. Er rast mit großer Geschwindigkeit - für Angehörige alter, weiser, immer noch Viehzucht und Ackerbau treibender, dem neuen Zeitalter unangepaßter und demzufolge im Verschwinden begriffener Völker, ein Wunder der Technik. Dem Einzelnen kann hier allerhand passieren, Völker verschwinden, und der Zug fährt weiter.
                   Von München, sollte es für die Erzählung von Bedeutung sein, fährst du zurück nach Frankfurt. Müde, niedergeschlagen, ausgelaugt. Wenn man schon schreiben muß, warum es vor sogenannten Anhängern schöner Worte auch noch lesen müssen? Du hättest dorthin nicht fahren sollen, was hast du in München verloren? Und je mehr du dich der Stadt näherst, deren Name in Computerschrift auf deinem Fahrschein steht, um so häufiger fragst du dich - was du eigentlich in Frankfurt sollst? Unter den frühchristlich-orthodoxen Mönchsorden ziehst du diejenigen vor, die ihre Gebete schweigend verrichten. Streichen wir sofort das Wort orthodox aus dem vorangehenden Satz - damals gab es noch keine Orthodoxen und keine Katholiken, sondern nur Christen - damit wir mit der Erzählung fortfahren können, weil auch das Hauptwort, mit dem sie beginnt, der Zug, weiterfährt, geradezu rast durch Raum und Zeit. Und du in ihm, über das Schweigen nachdenkend. Ihr sollt eure Perlen nicht vor die Säue werfen, predigte Matthäus. Besänftigen wir jedoch den strengen Matthäus mit Lukas, einem Beschützer der schreibenden Zunft: Gib jedem, der dich bittet, und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlange es nicht zurück (Lukas, 6,30). Zerrissen zwischen strengem Matthäus und sanftem Lukas vertiefst du deine momentane Unzufriedenheit mit dem überstandenen literarischen Ausflug. Bekannter sind die gepredigten als die geschriebenen Bücher, diejenigen, die durch Feuer zu Asche wurden, als jene, die man bewahren konnte. Nikolai Gogol hat den zweiten Teil seiner Toten Seelen verbrannt. Und Hölderlin, Kafka, Dostojewski, Thomas Mann? Wladimir Majakowski hat sich fortwährend gefragt - wie in ein dickes Ohr das zarte Wort hineinstecken? Der Dichter wußte die Antwort nicht, weshalb er sich, wie man später erzählte, umgebracht hat. Scheiterhaufen, Exil, Wahnsinn, Gefangenenlager, Schriften...
                   Während du dich nach München verirrst. 
                   Glücklicher-oder unglücklicherweise haben dir vernünftige Menschen eine Rückfahrkarte besorgt, und so kehrst du nun ziemlich lustlos nach Frankfurt zurück, obschon das, wenn man es sich gut überlegt, jede andere Stadt hätte sein können, zum Beispiel Düsseldorf. Was fehlt einem in Düsseldorf? Gar nichts. Und was erst in St. Petersburg?
                   Wie dem auch sei. Vor dem Schicksal kann man nicht fliehen, wie Helden realistischer Literatur sagen würden und sich dabei auf die vernebelten, aber dessenungeachtet in manchen Ländern immer noch lebendigen Reste vorchristlichen Schicksalglaubens unser aller gemeinsamer Vorfahren, berufen. 
                   Du beobachtest die Landstriche entlang der Eisenbahnschienen, falls dieser Zug überhaupt auf Schienen fährt. Vorbei an dir fliegen Felder, Dörfer, Obstgärten, große Lagerplätze in den Tälern, gut erhaltene Schlösser auf den Hügeln, idyllische Städte, Fabrikhallen und Schornsteine, Wälder auf den Bergflanken. Ein Feld, bedeckt mit spärlichem, am frühen Morgen gefallenem Schnee, naht. Hinter dem Feld ein Wäldchen. 
                   Inmitten dieser schneebedeckten Fläche siehst du auf einmal einen Hund. Einen großen, kräftigen, wolfsähnlichen Hund.     











Ein Hund oder doch ein Wolf? 
    Einsam im Schnee, auf der ungroßen Ebene zwischen den Eisenbahngleisen und der kleinen Siedlung einerseits, die augenblicklich fortfliegt und einem Wäldchen andererseits, das sich dir fliegend nähert. Indessen, die Tatsachen stehen im umgekehrten Verhältnis: Getragen vom geräuschlos fliegenden Zug mit unsichtbaren Flügeln, fliegst du fort und der gesamte Landstrich mit ihm, der im Feld Einsame bleibt stehen. Auf der Erde. Fest mit dem Boden verwurzelt von Anbeginn der Welt und unterstellt jenen, von den alten Griechen erkannten und von ihren späteren geistigen Erben weitergeführten und wissenschaftlich begründeten Gesetz der Erdanziehungskraft. So ist es in der Wirklichkeit. Aber, was ist die Wirklichkeit und gibt es sie überhaupt?, fragst du dich, indem du dich sowohl der Himmelskörperbewegung vergewisserst, als auch der Tatsache, daß die Erde sich ebenso dreht, wenngleich dieses für dich eine unannehmbare und beunruhigende These ist. Wer von euch beiden fliegt jetzt und wer steht? Du oder er? Wer verschwindet und wer bleibt? Wer ist dort und wer ist hier? Was kreist um was herum?
                   Beim Gedanken, daß du dort draußen sein könntest und er, der Hund oder der Wolf, hier drinnen im Zug, fröstelst du auf einmal.
                   Und vor diesem, nur auf den ersten Blick ungewöhnlichen Gedanken, zuckt plötzlich der Steppenwolf  im Intersity zusammen.
                   Nun ist er plötzlich der, der dich draußen auf dem Heideland beobachtet. 
                   Er bemitleidet dich, beinahe wären Tränen sein schönes, scharfgeschnittenes Wolfsgesicht heruntergeflossen. Er bemitleidet dich - nirgends in deiner Nähe ein Wolfsrudel. Nicht einmal eine Wölfin.Gibt es überhaupt in einer solch zahmen Gegend irgendeine Höhle, in der du dich vor der Treibjagd verstecken könntest? Wenigstens solange die Treiber unterwegs sind. Wo du dich aufwärmen könntest, den draußen ist trockener Dezemberfrost. Gestern war der Heilige Nikolaus. Hilf ihm, Heiliger Nikolaus! Verstecke den Vertriebenen vor den Treibern! Beschütze den Wanderer auf seinem Weg, du Heileger, du Wanderer!, betet er mit halblauter Stimme und bekreuzigt sich zugleich, während seine Brust von vertrauter Schmerzensschneide durchtrennt wird.Traurig, sehr traurig ist er - wo ist jene freie, eisklare, sternenübersäte Himmelsdecke und unter tiefem Schnee liegende, weite Steppe aus dem Roman Maschine und Wölfe? Unglücklich darüber ist Wolf, der Wanderer im Intersity, daß über dir tiefhängender, vergifteter, starkstromvernetzter Himmel ist und vor dir nur die winzige und verschneite Ebene. Und der Hein, durch den einigermaßen sichtbar und hörbar die kleine Siedlung von der sechsspurigen Autobahn getrennt wird und über die Tag und Nacht Autos und Geländewagen surren, Klein - und Großbusse keuchen, Tanker und Lastwagen brummen. Geräusche und Ausdünstungen steigen gen Himmel, breiten sich überall aus, fallen wieder nieder, Gräser, Saat, Bäume, Tiere und Menschen vergiftend. 
                   Auf seinem noch vor wenigen Augenblicken bequemen Sitz, rutscht der Steppenwolf nun ruhelos umher, zerknüllt nervös den Plastikbecher, aus dem er gerade seinen fade schmeckenden Kaffee ausgetrunken hat, drückt die Zigarette aus, spürt den bitteren Geschmack in seinem Mund, die letzte Nacht nach der Lesung hat er wieder einmal zu viel geraucht, und damit diese Begegnung auch erträglich gemacht werden konnte, gab es reichlich zu trinken. Wie soll man sich jetzt reinigen, sich abkühlen? Frische Luft schnappen? Vielleicht, indem man seine flache Hand auf die Fensterscheibe des Zugabteils drückt?
                   Der plötzlich kräftige, eiskalte Windzug aus weitem Steppenland überrascht die anwesenden Fahrgäste. Was ist los, fragen sie sich. Eine kleine Störung in der Klimaanlage sicherlich, geben sie sich tröstend Antwort, indem sie Zeitungen und Bücher zusammenklappend, ihre Schals und Jacken noch fester um die Schultern ziehen. 
                   Während er, Wolf, der Wanderer, begreift, daß du dich in einer gänzlich ausweglosen Lage befindest. Irgendein müßiger Spaziergänger, ein Bauer oder ein Jäger wird dich bestimmt sehen. Gleichgültig wer dich zuerst sieht, an der zuständigen Stelle wird man es sofort melden. Und was dich dann, mein Brüderchen, erwartet - das kannst du dir schon denken. Vor der Verfolgung wirst du dich zu retten versuchen, indem du die hohe Schutzwand an der Autobahn überspringen und unter einem rasenden Fahrzeug enden wirst. Falls dich nicht schnelle Jagdhunde, oder noch schlimmer, dressierte, speziell für diesen Zweck gezüchtete Polizeihunde erwischen, wird man dich mit Hubschraubern verfolgen. Fangnetze nach dir werfen. Mit einem Revolverschuß einschläfern Unabhängig davon, wie man dich nun fängt, dein Ende wird immer gleich bleiben. Es wird in deinem Kopf und in deinem Körper geforscht werden. In den Hirnwindungen nach jenem Gedanken gesucht werden, der dich bis hier in die Siedlung, unter die Menschen, führte. Deinem Körper sezierend, insbesondere deine Gliedmaßen, wird man in Erfahrung bringen wollen, in welcher Zeit und wie du überhaupt diese Entfernung von fast fünftausend Kilometern, genauer gesagt viertausendsechshundert Werst, zurücklegen konntest. Hey, wo sind jene unendlichen Steppen hinter Wolgograd und wo dieses Städtchen N. kurz vor Frankfurt? Wenn du täglich, eigentlich nachts, denn du läufst nur von der Abend-bis zur Morgendämmerung, optimal gerechnet, deine siebzig Werst zurücklegst, brauchst du allein dafür neun Wochen. Vor kurzem noch, warst du an der Wolga und jetzt plötzlich erscheinst du hier, am Main. Oder bist du schon seit langem hier gewesen? Unzählige Steppenrudel und sibirische Wolfsrudel sind damals, 1812-1813, hinter dem geschlagenen Napoleon-Heer in die Rhein-Main-Gegend gewandert. Bist du vielleicht einer von ihnen? Damals hierhergezogen und an diesem Vorabend plötzlich auferstanden? Besser wäre, du wärest es nicht. Denn, was kann dich hier schon erwarten?
                   Deine ganze Hilflosigkeit und Verlorenheit, hier unter gefährlichen Menschen begreifend, gerät der Wolf im Intercity  Berchtesgardener Land  in Schweiß.
                   Strenger Geruch des Raubtiers beunruhigt die Fahrgäste. Sie springen vor ihren Plätzen auf, die Mutigeren protestieren, die Ängstlichen schreien.
                   Die Verwandlung ist vollkommen.
                   Das im Zug gefangene Tier möchte dir mit einem warnenden Zuruf helfen. Mit den Pfoten und Krallen das Fenster öffnen. Vergeblich. Die Pfoten bluten, die Finger bluten. Gebrochene Krallen, gebrochene Fingernägel. Der Zug ist von klugen Konstrukteuren gebaut worden. Die gesamte Eisenbahn ist reichlich mit frischer, feuchter sogar bedufteter Luft versorgt. Die Wissenschaft weiß seit geraumer Zeit schon, wieviel Luft der Einzelne zum Atmen braucht. So viele Seelen, so viel Luft. Diese Erfahrungen wurden natürlich auch beim Bau dieser modernen deutschen Eisenbahn genutzt. Alle Fahrgäste reisen bequem und atmen ungehindert. Luft gibt es in jeder Menge. Die Ingenieure wissen also alles über die Eisenbahn, nur eins wissen sie anscheinend nicht: wann und warum im Menschen, dem Fahrenden - den ein Mensch ist nur ein Mensch! - ein wilder und vernichtender Gedanke aufblitzen wird, der ihn dazu zwingen kann, Fenster oder Tür zu öffnen und aus dem fahrenden Zug zu springen. Wegen solcher unerwarteter, seltener, aber immerhin möglicher Vorhaben, haben Zugkonstrukteure die Fahrgäste abgesichert. Der Zug ist sozusagen hermetisch geschlossen. Man kann die Fenster nicht öffnen und die Tür nur mit Computerhilfe beim Anhalten des Zuges. Kurzum, alles unter Kontrolle. 
                   Und nun?
                   Panik im Intercity. Wenn das Wort Panik nicht zu schwach klingt, um den Zustand zu beschreiben, in dem sich die Fahrgäste auf einmal befinden. 
                   Eine junge Deutsche bekommt frühzeitig Wehen und wird sogleich in diesem beinahe sterilen Zug von einem Neugeborenen entbunden, dessen Vater man nicht kennt. Beim Anblick des Steppenwolfes bricht ein, einst an der Stalinorgel nach Deutschland gekommener Russe, in Weinen aus. Gekommen und geblieben. Deutschland ist wiedervereint, Rusßland ist auseinandergefallen, ein Steppenwolf im Zug, das kann nur Krieg bedueten. Gott bewahre!, er bekreuzigt sich mit drei Fingern und denkt angestrengt weiter. Türken wollen erneut auf den Balkan, satte und friedliche Germanen nach Osten und im Gegenzug, hungrige und wilde Slawen nach Westen. Mal so ganz unter uns gesagt: Wir haben lange genug in Frieden gelebt! Still gestanden!, kommandiert der alte Russe. Ein Araber rollt seinen Gebetsteppich aus, es ist fünf Uhr nachmitags, Stunde des Gebets. Allah bismillah, er betet um Erlösung von diesen Christen, unter denen sich, wie bei allen Menschen unreinen Glaubens, nur Schlimmes zeigt: Ein gefährliches Raubtier mitten in einer Eisenbahn. Ein Wolga-Deutscher, nun seit drei Jahren wieder bei den Seinen, erkennt das wilde Tier aus der Steppe, rennt aufgeregt durch den Waggon, ruft nach dem zuständigen Eisenbahnbeamten. Ein Geschäftsmann aus dem fernen Osten erkundigt sich nach dem Geschehen, indem er auf verschiedene Tasten seines Personalcomputers drückt. Auf dem winzigen Bildschirm sind entweder Börsenberichte zu sehen, oder genau dasselbe, was der Schlitzäugige auch mit eigenen Augen sehen kann: das wilde Tier unter den Menschen. Ein anderer, von gleicher Hautfarbe, erfaßt sehr schnell die Lage und schafft sich Abhilfe mit einer Prise Kokain. Ein Universitätsprofessor aus Köln, ein berümter Ethnologe, beobachtet das Phänomen und 
macht Notizen darüber. Eine Türkin sammelt ihre Kinder ein, drei an der Zahl, glücklicherweise sind die anderen drei zu Hause geblieben und wenigstens jetzt noch in Sicherheit. Eine schöne junge Frau aus dem mittleren Donaugebiet, in deren Adern gemischtes Blut des Westens und des Ostens zusammenfließt, drückt sich aufgeregt an ihren südamerikanischen Freund; dieser hält sie mit einer Hand unter Kontrolle, damit aus der Aufregung keine Erregung wird, während er mit der anderen, noch freien Hand, das Wort Cholotl in der Luft nachzeichnet, der Name für die hundeähnliche Gottheit, die die Azteken und Mayas auf ihrer Reise in die Unterwelt begleitete. Ein Schwarzer, was macht ein Schwarzer? Nichts. Er träumt vom Licht im August, er wacht allmählich aus seinem Schlummer. Die ganze Panik um sich ringsum erblickend, läßt er die Augenlider wieder sinken und zur selben Zeit ertönt im Intercity neben leisem Wolfsgeheul der traurige Gesang eines mittelafrikanischen Stammes, letztes Singen bei Opferdarbringungen vor dem Scheiterhaufen. Ein vierter Deutscher, indes über den dritten haben wir noch nichts gesagt. Er kämpfte in der Gegend zwischen Kiew und Odessa, kehrte mit einigem Glück Jahre später einbeinig nach Hause zurück, und während er jetzt auf das Steppentier, das unter den Menschen gefangene, sieht, erinnert er sich: Drei Monate lang lag er in einer Wolfsgrube versteckt, ließ sich von Wölfen seine Wunden gesund lecken und konnte auf diese Weise überleben. Eine verjüngte Deutsche, eine ältere Frau mit geliftetem Gesicht, denkt an die starken Arme südländischer Männer, während ihr Blick auf den entkräfteten und greisen, ihr gegenübersitzenden Ehemann fällt. Würde er bloß bald hinüber sein, dieses pelzige Ungeheuer könnte vielleicht für den nötigen Hirnschlag sorgen. Ein politischer Emigrant, aus einem Land des vor kurzem auseinandergefallenen Ostblock, glaubt einen Geheimpolizeiagenten wiederzuerkennen. Das ist, wie jeder weiß, der wirksamste und gefährlichste Geheimdienst der Welt. Im Tarnen sind sie Weltmeister. Diese Unerfahrenen hier kann man womöglich mit solcher Verwandlung täuschen, aber ihn nicht. Wäre er sogar in einen Schafspelz hineingeschlüpft, würde er jederzeit seinen Widersacher erkennen, der ihn selbst hier im Zug, mitten in Europa, verfolgt. Und dazu noch in Wolfsgestalt. Wenn du aber hier drin wärest und nicht draußen, auf dem Feld, würdest du die alten Völkermythen zitieren: der Serbe ist ein Wolf , und hier im Intercity, die alte serbische Wolfsgottheit erblicken.   
                   Alle weichen zurück. Zittern.
                   Die Augen auf das Raubtier geheftet.
                   Während er durchs Fensterglas zu dir hinüberblickt.
                   Er möchte dir, du spürst es bereits draußen, so gerne helfen.
                   Oder sich weningstens zu dir gesellen. Aber wie? Wer kann schon das Fenster oder die Tür eines noch fahrenden Zuges öffnen? Wer den Zug anhalten? Aus dem Zug aussteigen? Er hat es versucht und - gebrochene Krallen, blutige Pfoten.
                   Er heult laut auf.
                   Die Fahrgäste fliehen in den anderen Waggon.
                   Der Wolf schlägt seinen Kopf gegen die dicke Fensterscheibe. 
                   Die Stirnhaut platzt.
                   Hinter den Himmelswolken breitet sich der Vollmond aus. 
                   Mit einem für das Raubtier typischen Sprung überspringst du die hohe Betonmauer an der Autobahn.
                   Von oben, vom Westen her, nähert sich ein großer Lkw, an den zwei Anhänger gekoppelt sind. 


Post skriptum.

                   In Zeitungsverlagen herrscht reger Betrieb. Es werden die ersten Morgenausgaben gedruckt. In einer täglich ausgestrahlten Verkehrssendung haben Rundfunksprecher über einen Zusammenstoß auf der Autobahn berichtet, an dem ein Sattelschlepper und zehn weitere Fahrzeuge beteiligt gewesen seien. Der überfahrene Körper wurde nicht erwähnt, wie auch der Umstand verschwiegen wurde, daß es im Intercity zu einer Stromunterbrechung von einigen Sekunden gekommen ist. Alles sei nur Folge des üblichen wochenendbedingten Verkehrsstaus. In den großen und einflußreichen deutschen Tagesblättern - kein Wort. Wahrlich, zehn Monate nach dem beschribenen Ereignis, wird in der Rheinischer Zeitung, aus der Feder eines gewissen Wolf  K. ein Text veröffentlicht, in dem von vernichtenden Mythennachwirkungen in den Schluchten des Balkans die Rede ist. Und gleichzeitig wird als Hauptantreiber des Krieges auf dem Balkan die alte serbische Wolfsgottheit genannt. Die zeitliche Übereinstimmung zwischen der Veröffentlichung seines Textes und endgültiger Niederschrift dieser Erzählung mit anschließendem Post skriptum, ist rein zufällig.
                   Als der Zug mit sechs, sieben Sekunden Verspätung auf dem Frankfurter Bahnhof anhielt, stiegen aus ihm, nun ausgeruht und von der Deutschen Bundesbahn dienstleistungsmäßig aufs höchste zufriedengestellt, all diejenigen aus, denen Frankfurt der Bestimmungsort war. Unter ihnen auch ein bärtiger Mann mittleren Alters mit sichtbarer Narbe auf der Stirn, und einer unsichtbaren in seiner Brust. Jener, dessen Name zufällig diese Erzählung deckt, es könnte auch ein anderer sein, einer von jenen, die dieses lesen werden.
                   Vielleicht gerade deiner.

                                                     
Aus dem Serbischen von Slobodanka Ljujic-Bäter

BRÜCHE UND ÜBERGÄNGE
Gedichte und Prosa aus 23 Ländern
Neue Gesellschaft für Literatur
Werkstatt der Kulturen in Berlin 
JOVIS, Verlagsburo, Berlin
Seite 265-273.



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Janko Vujinović
Bibliografija 
izbor

Panika u intersitiju
proza, prvo izdanje: Grafički atelje DERETA, Beograd, januar, 2000., str. 1-380.; drugo, dopunjeno izdanje: Grafički atelje DERETA, Beograd, oktobar, 2000., str. 1-347.



Vučji nakot
roman, Prosveta, Beograd, 1986, strana 1-295.; drugo izdanje, INP Književne novine-Komerc, Beograd, 1996. strana 1-310.


Knjiga o radovanju
zbirka priča, Slovo ljubve, Beograd, 1979. strana 1-112. Drugo izdanje Kulturni Centar Vuk Karadžić, Loznica, 2003. st. 1-150.

Kosovo je grdno sudilište dokumentarna proza, Prosveta, Književne novine, Beograd i Jedinstvo, Priština, 1989. strana 1-374.;drugo, dopunjeno i prerađeno izdanje, Dositej, Književne novine, Beograd i Jedinstvo, Priština, 1991., strana 1-412.

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Recenzije 
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Knjiga o radovanju
Vučji nakot
Kosovo je grdno sudilište


Panika u intersitiju
odlomak iz romana
Panika u intersitiju - srpski
Panika w pociągu intercity - polski
Panic in the Intercity - english
Panik im intercity - deutsche
Паника в экспрессе - pусский








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© 2008 Janko Vujinovic janvujin@wp.pl